Von Rückkehr und Einkehr

Ihr Lieben,

ich bin verliebt. Und zwar in vielerlei Hinsicht.
In das Leben, denn es zeigt sich mir immer wieder auf so liebenswerte Weise mit seinen kleinen und großen Ereignissen, Schönheiten, Begegnungen…
In mein Kind, denn sie ist das größte Wunder und Glück, dessen Ausmaß ich mir (obwohl mit wirklich viel Fantasie gesegnet) nicht mal ansatzweise vorstellen konnte.
Und in einen Mann. Und das war letztes Jahr für einige Zeit undenkbar.

Aber ich greife vor. Das neue Jahr ist schon wieder zwei Monate alt, und ich möchte endlich mein Versprechen halten und euch von meiner Rückker zum Hof Upwarf Ende September letzten Jahres erzählen.

Hier habe ich euch berichtet, was für eine wunderbare Erfahrung der erste Besuch dort war. Und es war völlig klar für mich, dass ich nochmal wieder kommen wollte, allein schon, um Oma Helga zu zeigen, wie groß das kleine Mädchen in der Zwischenzeit geworden war. Jetzt begab es sich aber, dass es zum geplanten Zeitpunkt des Besuchs im herrlichen Ostfriesland bereits jemand in unser Leben getreten war, der das Meer ebenso liebt wie das Mausekind und ich: der Nordmann. Und deswegen traten wir die Reise zu dritt an.
Und kommt es überraschend, dass Ostfriesland im Herbst ebenso bezaubernd ist wie im Frühsommer? Nicht wirklich, oder? Hier ist eine kleine Galerie für euch:

Es waren diesmal nur vier Tage, aber die heilende und befreiende Wirkung von Luft, Wasser und geliebten Menschen setzte trotzdem sofort ein. Die kleine Maus hatte ihre erste Erkältung mit in diesen Kurzurlaub genommen, und nach nur zwei Tagen Rotznäschen ging es ihr wieder gut. Ob auf dem Arm, im Tragetuch oder im Buggy, sie saugte die Bilder und Eindrücke genauso auf wie bei unserem ersten Besuch. Und der Nordmann händelte das kränkelnde, neugierige Baby, als hätte er nie etwas anderes getan. Setzte sie ins Tragetuch, damit sie mehr sehen konnte, ging mit ihr bis an die auslaufenden Wellen heran, um sie ihr zu zeigen und holte nachts das wuselige und nicht schlafen könnende Mädchen aus ihrem Reisebettchen zu uns ins Doppelbett, wo sie, eine Hand von mir, eine Hand von ihm festhaltend, schließlich selig einschlummerte. Wie hätte ich diese Tage mit diesen Beiden nicht genießen können?

Wir haben unfassbar gut gegessen, ob nun in Norden im Speicher No.77 oder in Greetsiel im Fischerhus, und morgens bei Oma Helga ein köstliches Frühstück bekommen.
Wir setzten einmal auf meine Herzensinsel Juist über, wenn auch nur für wenige, viel zu kurze Stunden, die wir drei fast komplett am Strand verbrachten, wir haben eine Minikreuzfahrt zu den Robbenbänken gemacht, wir waren in Norden und Greetsiel spazieren und sind am letzten Tag, um dem Meer quasi Lebewohl zu sagen, noch nach Bensersiel gefahren, um dort den Strand genießen zu können. Der Abschied fiel uns denkbar schwer, auch wenn wir wieder die Gewissheit hatten, dass wir wiederkommen werden.

Was soll ich anderes sagen als „ich bin verliebt“? Das Leben ist so gut zu mir gerade…

Nordmann und Mausekind

Es stehen noch einige Veränderungen an, ihr Lieben. Aber dazu dann mehr beim nächsten Mal.
Genießt die schönen Stunden, bis bald!

Herzlichst, Sunny

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Neues Jahr…

neues Glück?

Ihr Lieben,

da steht tatsächlich schon der Jahreswechsel an, und dabei weiß ich noch genau, wie das Jahr 2015 angefangen hat… aber bei allem, was inzwischen so passiert ist, ist es vermutlich auch kein Wunder, dass die Zeit so schnell vergangen ist.
Anfang des Jahres hatte ich zwei Vorsätze, die ich gerne umsetzen wollte, 1. besseres Zeitmanagement, und 2. mehr Bewegung. Beides, muss ich ehrlich zugeben, habe ich nur mäßig umgesetzt, oder, je nach Umstand, umsetzen können. Trotzdem tut es gut, einen Vorsatz zu haben, finde ich. Es lässt zumindest mich anders auf das kommende Jahr blicken, mit einem konkreten Ziel, sozusagen.

Mein Vorsatz für das Jahr 2016 klingt simpel: glücklich sein.
Trotzdem wisst ihr vermutlich auch aus eigener Erfahrung, dass das so leicht gesagt ist, aber nicht immer genauso spielend umgesetzt. Es wird sich so viel ändern in meinem Leben (hier habe ich euch erzählt, was die vermutlich größte Veränderung sein wird), und bei aller Vorfreude sind da natürlich auch Ängste und Unsicherheiten, Fragen, die mir eigentlich niemand beantworten kann, denn es gibt zwar Erfahrungen, aber wie es letzten Endes wird, weiß niemand.
Das Glück auch in kleinen Dingen zu finden hat immer zu meinen Stärken gehört, und wenn ein großes Glück meines Weges kam, habe ich es bisher (glaube ich zumindest) immer mit offenen Armen empfangen und nicht einfach vorüber ziehen lassen. Aber nächstes Jahr geht es mir vor allem um das Glück, das in mir ist. Nicht eins, das mir von außen angetragen wird, sondern eine Zufriedenheit und Sicherheit, die aus mir heraus kommt und mir auch dann Stärke geben kann, wenn von außen gerade mal ein Gewittersturm droht. Es geschieht so schnell, dass man dieses innere Glück aus den Augen verliert, gerade dann, wenn man von außen mit schönen Dingen überflutet wird. Dann sonnt man sich darin und freut sich, und wenn dann wieder dunkle Wolken aufziehen… ist die Sonne von außen weg. Und dann? Sitzt man da im T-Shirt und friert.
In solchen Momenten braucht man die innere Gewissheit, dass trotzdem alles gut ist oder zumindest auf jeden Fall wieder werden wird, den höchsteigenen inneren Kuschelpulli, sozusagen. Und ich kann mir schon heute ziemlich gut vorstellen, dass im neuen Jahr so einige Momente kommen werden, da es die äußere Sonne schwer haben wird, sich durch einige graue Wolken zu kämpfen. Für diese Momente möchte ich mir meinen neuen Vorsatz besonders zu Herzen nehmen. Glücklich sein. Von innen und außen.

Ich wünsche euch einen „guten Rutsch“, ihr Lieben. Ich weiß nicht, wie oft wir uns im neuen Jahr lesen werden, denn auch hier kann ich mir nur etwas vornehmen (weiterhin einigermaßen regelmäßig ein Puzzleteilchen anzufügen), aber natürlich nicht wissen, wie gut das tatsächlich klappen wird. Da aber das Schreiben auch zu den Dingen gehört, die mich glücklich machen, bin ich da ganz zuversichtlich.

Lasst es euch gut gehen und bis bald!

Herzlichst, Sunny

Vom Leben

HerbstWas wir brauchen, um glücklich zu leben, ist wenig.

Aber wir steigern die Bedingungen für Glück ins Endlose

und beklagen unser Unglück.

Kristiane Allert-Wybranietz

Man merkt immer erst, was man hatte…

Ich bin gerade nach Hause gekommen. Licht an im Flur, Tasche abstellen, Schuhe aus, Jacke aufhängen. Alles wie immer. Aber eben doch nicht. Denn ich bin im Moment in der Wohnung, die mir jetzt doppelt so groß vorkommt wie sonst, mit dem treuen Paulehund alleine.
Der Liebste liegt im Krankenhaus. Bandscheibenvorfall mit Not-OP.

Rückenschmerzen hatte er schon lange. Nichts, weswegen man sich Sorgen macht. Zwickt halt mal, und mit ein bisschen Ruhe geht’s auch wieder. Irgendwann zog der Schmerz ins Bein und das Laufen ging nicht mehr so gut. Und irgendwie wurd der Zeh taub. Zeit für den Arzt. Der CT zeigte ein… eher unschönes Bild von Bandscheibengewebe, das wie ein aufgeschlagenes Ei an der Wirbelsäule herumschlabberte. Also ab auf’n (OP-)Tisch. Es ist alles gut gegangen, und jetzt muss sich der Mann erholen. Ich hab ihm vorhin, versorgt und den Umständen entsprechend zufrieden, in seinem Krankenhauszimmer gute Nacht gesagt.

Und ich sitze hier an meinem Schreibtisch und denke darüber nach, wie schnell man sich daran gewöhnt, dass es einem gut geht. Dass man es gar als selbstverständlich betrachtet. Ist doch gar nichts besonderes, ich komm nach Hause und mein Mann ist da. Wir reden ein bisschen, der Fernseher läuft, er macht was am Rechner, ich lese noch online. Dann gehen wir irgendwann ins Bett. Und doch…
Wenn ich nach Hause komme, steht er auf und begrüßt mich. Nimmt mich in den Arm, gibt mir einen Kuss. Wenn wir über den Tag reden, lachen wir zusammen. Wenn ich was spannendes lese, mache ich ihn darauf aufmerksam. Und wenn wir ins Bett gehen, streckt er die Arme nach mir aus und wir kuscheln uns aneinander.
Und in den letzten Tagen fehlt mir das so sehr.
Merkt man wirklich immer erst, was man hatte, wenn es weg ist?
Oder vielleicht nicht weg weg, aber zumindest gerade mal nicht erreichbar?

Wenn ich einen Schmerz-Schub überwunden habe und gerade ein guter Tag ist, genieße ich es schon sehr, dass die olle Fibromyalgie mir mal eine Verschnaufspause gönnt. Ist das so, weil Schmerzen eben etwas negatives sind, und es nunmal auffällt, wenn das deutlich weniger ist?
Wenn ich meine Beste mal länger nicht getroffen habe, freue ich mich natürlich immer wie blöde, sie wieder zu sehen. Im Moment ist sie laaange verreist und ich kann sie gar nicht sehen. Und schon vermisse ich sie noch mehr…
Jasmin und ich gehen eigentlich total gerne spazieren und kehren dann in ein schnuckeliges Café ein zum Reden oder Lesen oder Schreiben. Ist ja eigentlich nur so ein netter Zeitvertreib. Nö, eben nicht, merke ich jetzt, wo wir schon lange nicht mehr dazu gekommen sind. Es ist großartig.

In unserem zweiten Urlaub auf Juist habe ich die rotwangige, sonnenblonde Frau, die unsere Kutsche gelenkt hat, gefragt, ob man die Schönheit der Insel und des Meeres noch zu schätzen weiß, wenn man dort lebt. Und sie sagte „Nicht jeden Tag, nein. Aber es gibt immer wieder Momente, in denen man inne hält und sich denkt „Was hast du ein Glück!“

So. Und diese Momente zum Innehalten (und bemerken, was „da“ ist) sollte man vielleicht einfach mal bewusst(er) wahrnehmen. Finde ich. Nicht jeden Tag. Aber ab und zu.
Das nehme ich mir auf jeden Fall jetzt vor.

Abendstimmung

Ein Winter-Märchen (im Sommer…)

(…der gerade irgendwie kein richtiger mehr sein mag)

Versteht mich nicht falsch, wegen mir muss noch nicht Winter sein. Erstens ist mir noch gar nicht nach Kälte und zweitens würde das ja heißen, dass ich meinen geliebten Herbst verpasse! Und das will ich nun wirklich nicht.
Ich möchte euch heute deswegen ein Märchen vorstellen, das ich geschrieben habe, weil ich wiedermal Reise-Fotos geguckt habe und dieses hier mich (auch) daran erinnert hat, dass es das Winter-Märchen auf meiner Festplatte gibt:

WinterDeswegen vergebt mir die Winterstimmung und genießt einfach die Geschichte, wenn ihr mögt.

Herzlichst, Sunny

 

Schlittschuhe

Lucy tappte gähnend an das von Mondlicht erhellte Fenster.
Sie verbrachte gerne das Wochenende bei ihren Großeltern auf dem Land, der alte Hof, umgeben von Wiesen und Feldern und ein Stück weiter der dichte Wald, hatte etwas verwunschenes, aber in der Stille weckten sie die ungewohnten Geräusche. In der großen Stadt, wo sie mit ihren Eltern wohnte, fuhren nachts Autos auf der Straße vor ihrem Fenster, aber das war eine andere Kulisse als hier. Eben hatte sie den durchdringenden Ruf eines Nachtvogels gehört, entweder auf Jagd oder erfolgreich zurückgekehrt. Tiere gab es hier viele zu sehen und deswegen war Lucy zum Fenster gegangen. Ein paar Nächte zuvor hatte sie einige Hasen im Schnee hoppeln sehen, niedlich anzusehen mit ihren großen Ohren und den aufmerksam blinkenden Augen. Lucy erzählte es am nächsten Morgen beim Frühstück ihrer Großmutter und die blickte streng und sagte: „Du sollst nachts schlafen und nicht am Fenster herumstehen, Kind. Du brauchst deinen Schlaf.“
Als wäre Lucy noch klein und nicht beinahe elf Jahre alt, also schon fast erwachsen! Ihr Großvater aber hatte sie schmunzelnd in den Arm genommen.
„Halte du nur die Augen offen. Es gibt so viel zu sehen!“
Da ihr Großvater schon sein ganzes Leben auf dem Hof wohnte, musste er es ja wissen.

Und weil Lucy ohnehin nicht mehr schlafen konnte, war sie nun wieder aus dem Bett geklettert, in der Hoffnung, nochmal einen Blick auf die spielenden Hasen werfen zu können.
Sie ließ ihren Blick über die Wiese vor dem großen Hof schweifen, aber es waren weit und breit keine langen Ohren zu sehen. Ein bisschen enttäuscht wollte Lucy sich schon abwenden, da sah sie auf dem kleinen, zugefrorenen Teich am Rand der Wiese ein seltsames Glitzern. Natürlich, es war eine mondhelle Nacht, da war ein Glanz nichts außergewöhnliches, aber Lucy hätte schwören können, dass es aus einer Bewegung heraus entstanden war.
Eine Bewegung auf dem See?
Neugierig geworden huschte Lucy leise aus der Tür, zur Garderobe im Flur, wo sie sich schnell ihren Mantel über das lange Nachthemd zog und in ihre Gummistiefel schlüpfte, und öffnete dann langsam das große Eingangstor zum Hof, darauf bedacht, das durchdringende Quietschen zu vermeiden, das die Angeln bei zu raschem Aufziehen erzeugten.

Draußen schlug ihr eisige Kälte entgegen und sie zog den Mantel eng um sich. Ihre Schritte knirschten im Schnee, den bereits eine dünne, gefrorene Schicht überzog. Vorsichtig näherte Lucy sich dem Teich, als etwas sie innehalten ließ. Ein leiser Gesang ertönte von dem vereisten Wasser vor ihr, eine einfache, aber wunderschöne Melodie, gesungen in einer ihr völlig unbekannten Sprache. Lucy wagte kaum zu atmen, um nichts zu verpassen. Da kam in Sicht, was das Glitzern verursacht hatte.
Und Lucy rieb sich die Augen, in der festen Überzeugung, doch noch zu träumen. Ein kleines Wesen, der hohen Stimme, mit der es sang und den langen, silbernen Haaren nach, eine Frau, glitt auf winzigen Schlittschuhen über das Eis und bewegte sich zu der von ihr gesungenen Melodie.
Lucy stand wie verzaubert und konnte sich kein Stück mehr rühren. Der Anblick dieser ganz in fließendes Silber gekleideten Frau hatte sie völlig gefesselt. Der Gesang war nur leise, und doch schien er die ganze Nacht zu erfüllen. Er breitete sich über den Teich, die Wiese und die im Winterschlaf daliegenden Felder aus und alles schien zu lauschen. Noch nie hatte Lucy sich so beruhigt und getröstet gefühlt; die Melodie war das Fließen ihres Atems, die Worte der Takt ihres schlagenden Herzens. Das Lied war ihre Gute-Nacht-Melodie, der Gesang der Vögel, das Zirpen der Grillen im Sommer, das Rauschen der Bäume im Wind.

Lucy hätte nicht sagen können, wie lange sie so stand und der kleinen, silbernen Frau zusah und zuhörte, aber plötzlich bemerkte sie, dass die Nacht nicht mehr sehr dunkel war, sondern der Horizont bereits einen hellen Streifen trug und die Sterne verblassten. Und als Lucy den Blick von den Sternen ab- und dem Teich wieder zuwandte, war die silberne Frau verschwunden. Doch sie hatte keine traurige Leere hinterlassen, sondern eine wissende Stille und eine wunderschöne Erinnerung.
Ein wenig benommen ging Lucy zurück zum Haus, schlüpfte aus Gummistiefeln und Mantel und kuschelte sich wieder in ihr Bett. Die Melodie des Liedes ging ihr noch immer im Kopf herum und sie summte ein wenig, bevor ihr die Augen zu fielen.

„Lucy! Frühstück!“
Der laute Ruf ihrer Großmutter weckte Lucy aus einem tiefen Schlaf und einem bezaubernden Traum. Was war es nur, gerade hatte sie es doch noch gewusst…
„Bist du wach?“
Seufzend schwang Lucy die Füße aus dem Bett und reckte sich ausgiebig: „Bin schon da!“

Nach dem Frühstück lief Lucy nach draußen zu ihrem Großvater, der den Hof fegte, um ihm mit ihrem eigenen, kleinen Besen zu helfen. Er schaute kurz auf, lächelte sein gütiges Lächeln und machte dann wieder den Rücken krumm, um zu kehren. So arbeiteten sie eine Weile schweigend, Lucy mit roten Wangen vor Eifer, als sie plötzlich inne hielt. Ihr Großvater summte und brummte vor sich hin, während er den Besen schwang. Und Lucy kannte die Melodie ganz genau. Plötzlich war alles wieder da: der mondhelle Teich, die kleine silberne Frau und der wunderschöne Gesang.
„Großvater“, setzte Lucy an, aber der schüttelte den Kopf.
„Über manche Sachen spricht man nicht, mein Kind. Man bewahrt sie in seinem Herzen.“
Konnte er es wissen? Fragend sah Lucy den alten Mann an, aber der lächelte nur wieder und fegte weiter.
Lucy kamen Zweifel. Sie war ein vernünftiges Mädchen und wusste eigentlich, dass es keine kleinen, silbernen Frauen gab, die nachts auf einem See tanzten und sangen. Es war sicher nur ein Traum gewesen. Aber sie fühlte noch genau den kalten Wind auf dem Gesicht und dieses beruhigende, tröstende Gefühl.
Entschlossen stellte sie den Besen hin und stapfte durch den Schnee zum Teich herab. Da waren keine Fußspuren zu sehen; es hatte am frühen Morgen nochmal geschneit. Und doch fand Lucy die Stelle wieder, wo sie gestanden und gelauscht hatte.
„Unsinn“, dachte sie bei sich, „du bist so oft hier am Teich, natürlich kannst du dich auch im Traum dann an eine ganz bestimmte Stelle stellen…“
Aber wie von selbst zogen ihre Schritte sie näher an die mit frischem Schnee bedeckte Eisfläche. War es nur ein Traum?
Und als ihre Hand den Schnee beiseite wischte, musste sie lächeln. Da waren feine Kratzspuren im Eis, gezogene Linien, wie von winzigen Schlittschuhen.

unerwünschte Begleitung inklusive – mit Fibromyalgie auf Reisen

Gestern war es wieder soweit: ich habe mich durch diverse Fotos von Reisen geklickt (diesmal durch Abendstimmungen), die ich im Laufe der letzten Jahre aufgenommen habe (das Unterwegs sein ging von „ziemlich weit weg“ bis zu „nur um die Ecke“) und die Bilder sorgten dafür, dass ich mich zurück versetzt gefühlt habe. Dieses zurück reisen im Kopf ist etwas, das ich sehr liebe und häufig praktiziere und führt unweigerlich dazu, dass erneut Reisefieber ausbricht, denn

reisen schafft Inspiration.

Egmond aan Zee 2014

Niederlande, Egmond aan Zee, 2014

Portugal 2011

Portugal, Algarve,  2011

Teneriffa, Alcalá, 2013

Teneriffa, Alcalá, 2013

Für neue Idee, neue Texte, neue Sichtweisen, neue Fotos… die dann wieder beim „zurück reisen“ helfen. Und wenn man gerade mal keine Inspiration, sondern Erholung und einen freien Kopf braucht, schafft reisen auch das. Manche nennen es dann Urlaub. Aber es ist das „weg sein“-Gefühl, das all das auslöst. Das kann mir vermutlich jeder, der gern unterwegs ist, bestätigen.

Was packen wir alles ein? Vom Rucksack bis zum XXL-Trolley reicht der Platz, und was wir mitnehmen hängt von dem ab, was wir meinen, zu brauchen auf dieser Reise. Für einen oder zu zweit? Oder für die ganze Familie?

Ich packe grundsätzlich für zwei.

Und damit meine ich (leider) nicht den Liebsten. Auch wenn ich mich allein auf den Weg mache, um werte Menschen zu besuchen oder einfach nur, um mal wieder unterwegs zu sein, sitzt Madame schon auf der Tasche. Und mein Reisegepäck enthält dann neben den gewöhnlichen Dingen wie Badartikeln und Wechselwäsche grundsätzlich:

  • ein (nicht zu spannendes) Buch, um eventuell aufkommende Gedankenstrudel abzulenken
  • etwas Wärmendes für Nacken, Füße und Handgelenke (ja, auch im Sommer. Ohne dicke Socken geht nicht. Könnte ja abkühlen.)
  • Schmerzmittel

Das nimmt in der Tasche nicht sooo viel Platz ein. Aber in meinem Kopf.

Immerhin bin ich überhaupt wieder unterwegs.

Einige Zeit vor und auch noch nach meiner Diagnose war sogar längeres Autofahren schwierig. Weil plötzlich aufkommende Schmerzen in Händen oder Knien oder Druck im Kopf für Angstgefühle sorgten, und die wiederum für Verschlimmerung… wiedermal der Teufelskreis. Für mich, die ich „rauskommen“ schon immer toll fand, war das niederschmetternd. Ich wollte mir nicht diktieren lassen (müssen), ob und wann ich unterwegs sein dürfte. Dass das heute wieder möglich ist, hat viel mit meiner Therapie zu tun und dem, was ich dabei über mich gelernt habe.

Der Flug nach Portugal 2011 zum Beispiel war der reinste Horror. Der arme Liebste hat 4 Stunden damit verbracht, mich zu beruhigen und mich daran zu erinnern, ruhig zu atmen. Flugangst inklusive Negativ-Gedankenstrudel olé! In den neun Tagen, die wir dort waren, habe ich mehr als die Hälfte mit dem nahenden Schrecken des Rückflugs verbracht. Dabei war die Umgebung so traumhaft schön… mit einer Poolterasse direkt in den Felsen gebaut, unmittelbar darunter der Atlantik, es war ein Meertraum. Aber ich konnte an vielen Stunden des Tages nur an die Panik vor dem Flug denken. War nicht so erholsam.

Der Flug nach Teneriffa letztes Jahr war dann schon deutlich besser. Meine Flugangst hatte ich bearbeitet – mit Vorfreude. Nicht nur sollte die Reise nach Teneriffa gehen, und so weit im Süden war ich noch nie gewesen (ok, auch, weil es mich eigentlich eher in nördlichere Gefilde zieht… aber das ist eine andere Geschichte), sondern es war auch unsere Hochzeitsreise. Traumhaftes Hotel, direkt am Meer mit Blick auf La Gomera, wie sollte ich mich nicht unbändig darauf freuen? Also habe ich jedem vorbeifliegenden Flugzeug mit einem Lächeln nachgeschaut und mir das Glücksgefühl verinnerlicht, dass der Gedanke an die Hochzeit und die Flitterwochen in mir auslöste. Für den Flug selbst gab es außerdem noch einen Helfershelfer außer der Hand des Liebsten: mein iPad mit brandneuen Folgen der herrlich kitschig-unterhaltsamen US-Serie „Glee“ darauf. Viel Gesang, Musik und Herzschmerz. So schnell sind knapp fünf Stunden Flug noch nie vergangen, kann ich euch sagen. Die Fibro war chancenlos. Sie hat dann im Laufe der Tage auf Tenriffa ein paar Mal für Druckkopfschmerzen gesorgt, aber die meiste Zeit hat mein Glück über diese wunderschöne Insel und den Mann an meiner Seite die Schmerzen quasi in den Hoteltresor gesperrt. Ha!

Und so ein spontaner Egmond-Besuch wie dieser hier mit Jasmin ist inzwischen so ein fester Bestandteil meines Lebens geworden, dass die Fibro nur noch mitkommt, weil sie muss. Ich habe den Spieß quasi umgedreht. Es ist nicht mehr so, dass ich denke „Oh nein, die olle Zicke sitzt auch schon wieder im Gepäck“, sondern dass ich mich gut fühle, weil ich weiß, dass mein Reiseglück ganz oft größer ist als der Schmerz.

So ist das nämlich. Ich kann am allerbesten entspannen, wenn es mir gut geht, und das gilt eben auch  besonders für die Reiselust. Denn dann kann ich mich getrost umdrehen und etwas neues entdecken und Ideen haben und tiiiieef einatmen – und die Fibro kann mir gestohlen bleiben.

Deutschland, Lindau, 2014

Deutschland, Lindau, 2014