Wie ich an einem Samstag morgen das Meer gesucht habe

Wer an einem arbeitsfreien Samstag freiwillig um 2:30 Uhr nachts aufsteht hat se nicht mehr alle? Hätte ich vielleicht auch so unterschrieben… wenn, ja wenn nicht meine sonnenaufgangsliebende, fotografieverrückte Freundin Anny am Wochenende zu Besuch gewesen wäre und wir ratzfatz alle „um diese Zeit ist man entweder noch nicht oder schon längst im Bett und steht nicht auf!“-Regeln über Bord geworfen hätten. So sind wir um 3:00 Uhr einfach losgefahren. Richtung Ostfriesland, genauer: Greetsiel. Da waren wir beide noch nie, ich hatte aber schon viel drüber gehört von Freunden und Bekannten. Und weil Anny eher aus der Mitte Deutschlands und somit nicht „mal eben“ ans Meer kommt, hab ich ihr mehr Meer versprochen. Mit Morgendämmerung und Sonnenaufgang.

Um 3:15 Uhr waren wir auf der Autobahn. Da mich meine Meerliebe schon öfter nach Juist verschlagen hat, wusste ich von den Fahrten zur Fähre in Norddeich, dass Greetsiel da ganz in der Nähe ist. Also brausten wir die A31 hoch, mümmelten irgendwann ein mitgebrachtes Bütterken und schauten zu, wie „draußen“ langsam Konturen bekam. Wie sich Bäume und Häuser und Felder aus dem Dunkel der Nacht schälten. Die Wolken hatten ein Einsehen und ließen zumindest kleine Lücken. Gegen 5:00 Uhr schoss Anny die ersten Bilder aus dem fahrenden Auto, von rosarot angeleuchteten Wolken über Feldern mit Windrädern. Die Landschaft rief eindeutig „Norden!“  Dann kam auch schon die Abfahrt Emden und eine Tankstelle, die den ersten Kaffee des Morgens versprach. Eigentlich konnte ich es kaum erwarten, dann auch den ersten Schluck von dem dampfend heißen Gebräu zu nehmen. Aber das ging dann doch nicht sofort, denn direkt an einer Landstraße eine Ecke weiter musste ich rechts ranfahren, deswegen:

Sonnenaufgang in EmdenUnd deswegen:

FasanHach. Glückselig von Morgensonne angeleuchtet, den zum Glück immernoch warmen Kaffee in der Hand, ging es weiter nach Greetsiel. Ein kleiner Parkplatz am Ortseingang lud uns ein, das Auto stehen zu lassen und den Rest zu Fuß zu erkunden. Der Automat spuckte einen Parkschein aus, der verkündete, dass es 6:13 Uhr sei.

Wir marschierten also los, durch ein (fast) völlig stilles Dorf. Da kam ein tatkräftig aussehender, weil Arbeitskleidung tragender, Herr des Weges , der olle, vom Sturm durch den Kanal angespülte Fahrräder wegräumte. Da fegte eine alte Dame sorgfältig den Platz vor ihrem Ladenlokal. Aber sonst? Schläfrige Stille und an jeder Ecke etwas zum knipsen…

Nur… das versprochene Meer war nicht da! Ich Schaf hatte nicht nachgesehen, ob Greetsiel denn am Wattenmeer liegt. Da ist ein Hafen, also ist da auch Meer. Dachte ich. Nee. Da ist ein Hafen, und von da aus kann man einen Kanal entlangschippern, der dann irgendwann zum Watt kommt. Dass um etwa  6:00 Hochwasser sein sollte, wusste ich allerdings, denn daran hatte ich gedacht. Die Uhr zeigte inzwischen 7:30. Noch nichts geöffnet zum frühstücken und kein Meer? Das ging so nicht, und eins davon konnten wir zumindest aktiv ändern. Also sind Anny und ich nochmal los, das Meer zu suchen und versprachen dem entzückenden Greetsiel, zum Frühstücken zurück zu kehren.

Die Irrfahrt begann. Ostfriesland ist wunderschön, und weil es außerdem so platt ist, konnte man auch überall den Damm sehen… aber der war meistens eingezäunt und/oder abgesperrt, und so gab es kein Durchkommen zum Watt. Wir sahen Schafe und empörte Pferde, die uns anschnauften, als wir das Auto kurz mal stehen ließen, um ein neues Hindernis, einen Graben, zu sehen… es war wie verhext. Aber dann fiel mir etwas ein, was ich bei Katja in ihrem Blog maedchenmitherz gelesen hatte (dort schreibt Katja mit viel Herz über ihre Wahlheimat Ostfriesland und viele schöne, andere Dinge): am Knock kann man bis ans Wasser! Und so weit war es bis dahin nicht, mit etwas Glück würden wir noch auf das Meer treffen und ich mein Versprechen einlösen können. Dran gedacht, getan, und nachdem wir dort den Deich erklommen hatten (der zwar abgesperrt war, aaaber nur für die Schafe), erwartete uns das:

WattenmeerUnd das:

WindräderUnd während wir, völlig begeistert vom Geruch des Tangs und dem leisen Rauschen und Schwappen der kleinen Wellen, auf den Steinen herumkletterten, kam mir Anny vor die Linse:

Anny(that’s a hell lot of hair ❤ )

Das Meer gesucht und gefunden! So eine Expedition, auch wenn von Erfolg gekrönt, macht erst recht hungrig, also wurde es um 9:30 Uhr dann endlich Zeit für ein schmackhaftes Frühstück. Zurück nach Greetsiel. Dort haben wir nicht nur tolle, knackfrische Brötchen in der Bäckerei und Konditorei Rector genossen, sondern waren auch bummeln, in einem kleinen Museum Motive sammeln, haben mit einem Kapitän geflirtet und in vollen Zügen die Sonne genossen (und die geniale Wetterstation entdeckt)…

Eigentlich war der Tag somit zur Mittagsstunde perfekt… außer dass uns irgendwie noch ein bisschen der Sand an den Schuhen fehlte. Aber die freundlichen Greetsieler wussten keinen Tipp (jedenfalls nicht die, die wir gefragt haben), wo man sich halbwegs in der Nähe noch vergnügt im Sand würde panieren können. Doch eine Karte, die an der Seitenwand eines Hauses hing und ganz Ostfriesland zeigte, verwies bei genauerem Hinsehen auf einen Badestrand in Norddeich. Da mussten wir nicht lange überlegen! Nur das Wetter wollte nicht mehr unser Freund sein und schickte dunkle Wolken, die schnell (schneller, als uns lieb war) gen Küste zogen. Trotzdem wollten wir den Sand. Also auf nach Norddeich. Dort angekommen zeigte zwar auch ein Schild die Richtung zum Strand, aber es war einfacher, genau dorthin zu fahren, von wo alle Menschen gelaufen kamen, schnell, mit verkniffenen Gesichtern, teilweise noch im Badeanzug und zusammengerafften Strandtüchern. Die allgemeine Flucht vor dem Wetter war ausgebrochen, aber wir wollten genau dort hin, wo es sich austobte. Und hinter einer Düne war er endlich: der Strand, samt Meer. Und Wind. VIEL Wind:

SturmHundMöweArmeeHaare im Gesicht, Sand von überall… es war überwältigend nordisch. Die Möwen standen reglos in der Luft, die Strandkörbe muteten an wie eine reglose Armee, die dem Feind trotzt. Der Regen brach los, als wir noch etwa 200 Meter vom Auto entfernt waren. Passend zum Sturm waren es dann auch keine Tröpfchen, sondern ein Wassereinbruch. Eigentlich unnötig zu erwähnen, dass wir danach nicht nur das Meer in unseren Köpfen und in unseren Nase hatten, sondern auch AUF unseren Köpfen, zwischen den Zähnen und in den Augenbrauen und Schuhen… aber es war wunderbar.

Die Rückfahrt gestaltete sich müde und nass, aber glücklich und bis zum Rand gefüllt mit einem herrlichen Tag und der Freude über eine erfolgreich abgeschlossene Suche.

Hatten wir se also tatsächlich nicht mehr alle, dass wir so früh einfach losgefahren sind? Mag schon sein… aber wir würden es wieder tun. Sofort.

 

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3 Gedanken zu „Wie ich an einem Samstag morgen das Meer gesucht habe

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